Mittwoch, 19.3.2008, Gemtree

LEBEN IN GEMTREE

Mittlerweile sind wir seit 24.1.2008 hier am Busch Campingplatz „Gemtree" und haben uns in den Rhythmus des Lebens gut eingependelt.
Europäischen Stress gibt es hier nicht. Wir leben mit der Sonne und in der Natur und genießen dazu die Annehmlichkeit von Dusche, Fließwasser und Stromversorgung (18 Stunden am Tag).
Aber ansonsten sind wir „im Busch" weit weg der Zivilisation. Es gibt zumindest ein Telefon, das ich am Sonntag benutze, um zu Hause anzurufen, und die seltnen Fahrten in die Stadt (Alice Springs, 140 km) nütze ich, meine Mails abzurufen. Gleichzeitig nutzen wir die Zeit zum Einkaufen und auch Arztbesuche. Ich freue mich dann auf einen Stapel Zeitungen, denn TV und Radio- Empfang haben wir in Gemtree auch nicht.
Wir haben zwar ein TV Gerät, aber keinen Empfang.
Ich bin sehr froh, dass die große Sommerhitze hoffentlich wirklich vorbei ist. Die Nächte werden merklich länger und kühler. Und auch die Tagestemperaturen klettern nicht mehr auf 45° Celsius sondern nur auf runde 35° Celsius. .... und deutlich weniger Fliegen, doch nach wie vor lästig.
Der Tag beginnt mit Sonnenaufgang ca. 6.45 Uhr.
Oft werde ich gegen 5.00 Uhr munter und verfolge wie der Sternenhimmel weniger wird, der Himmel sich langsam in ein helles Blau taucht, zu dem sich kurz vor Sonnenaufgang ein rosa Streifen gesellt. Die ersten Vögel beginnen zu singen......und sobald die Sonne heraußen ist, kommen die Vögel in Scharen. 10 Meter von unserem Bett entfernt haben wir eine kleine grüne Oase entstehen lassen, wo täglich Papageien, Willi Wegtails, Elstern, Sittiche, die winzigen Zebrafinken und die blauen Zaunkönige ihr Morgenbad nehmen.......und dementsprechend klingt die Luft nach Vogelstimmen (klingt besser als der Wecker!)
Dieses Schauspiel wiederholt sich während der Mittagszeit, die ich gerne im Wohnwagen verbringe, denn draußen ist es doch noch ziemlich heiß. Und zu Sonnenuntergang (ca. 18.45 Uhr) kommen die Vögel nochmals.....zu einem Abendbad.
Abendessen gibt es dann Sonnenuntergang.......weil die Fliegen dann auch schon schlafen und wir die Lichtlampe einfach weiter entfernt aufhängen, damit die vielen Nachtfalter nicht Teil unserer Kost werden. ..... Ja und dann ist bald Abendruhe......und es folgt einer der schönsten Teile Australiens, der Nachthimmel. Hatten wir im Jänner und im Februar noch Gewitterwolken und Blitze über uns hängen so haben wir jetzt seit Wochen klare Nächte. Nachdem wir ja Vollmond- und Neumond-Zyklus hier schon durchwandert haben bin ich bereits beschenkt geworden, mit einem Mond, der gleichzeitig als Leselampe dienen könnte sowie mit dem Sternenhimmel der mich einlädt, hinaufzuwandern, denn die Milchstraße beginnt gleich hinter unserem Camp. Und nach wie vor warte ich auf Sternschnuppen, nur die sind um diese Jahreszeit nicht so zahlreich, aber Juni und Juli kommen bestimmt.
Ja und dann ist da die Frage - was tun wir / ich hier in Gemtree den ganzen Tag?????
Zu Hause in Österreich würde ich sagen „NICHTS"....aber hier weiß ich doch, dass ich sehr wohl viel tue. Ich schenke meine Zeit unserem kleinen Buben, und der beschenkt mich reich.
Meist steht er auch mit der Sonne auf, und dann beginnt schon der Tag mit einem kleinen Frühstück, meist Früchte. Wenn wir unseren Hund „Kaiser" hier haben, dann heißt es diesen zu füttern, seinen Mist wegzuräumen und im Auto warten dann zwei kleine Gummibärchen auf Angas, die er täglich sucht. Wenn Shane im Camp ist, gibt es so gegen 10.00 Uhr ein herzhaftes Frühstück, am liebsten ist ihnen Speck und Ei mit Baked Beans und Toast. Wenn Angas und ich alleine sind, dann kann es schon passieren, dass wir Krähen verjagen und nach drei Stunden wieder ins Camp zurückkommen, weil wir den ganzen Campingplatz ablaufen. Oder neulich sind wir seinen Topf ausleeren gegangen (die Campingplatz Toiletten sind einige Schritte entfernt!), und sind nach 2 ½ Stunden wieder „zu Hause" gewesen. Zwischendurch waren wir am Billabong (Wasserspeicher) und haben Fische und Vögel beobachtet, haben uns im Geschäft umgesehen und mit den paar Leuten die vielleicht da sind geplaudert. ZEIT haben wir einfach. Ein Gefühl, das ich erst langsam wieder aufkommen lassen kann. Angas hält brav seinen Mittagsschlaf (so zwischen 2 und 3 Stunden), Zeit, die ich für diverse Arbeiten, Briefe schreiben, lesen,.....nützen kann.
Am Nachmittag wandern wir dann immer ins Geschäft und holen ein Schleckeis, das der kleine Mann genießt.....und wir haben wieder Zeit zum Spielen. Ir hben eine menge Spielsachen - angefangen von Bob the Builder Werkzeugen und Sandspielsachen und viele Wasserschläuche für Wasser- und Gatschspiele, die sind ihm die liebsten.
Abendessen gibt es erst nach Sonnenuntergang......und während ich koche, schaut Angas gerne Video......dabei hat sich als sein Favorit die „Zauberflöte" herauskristallisiert, eine Aufnahme aus St. Margareten, Sommer 2007...wo er auch schon selbst die Aufführung angeschaut hat. ...und mittlerweile weiß er ganz genau wann die Vögel (eine liebsten Wesen der Oper) kommen, die Pferde und die Feuer speienden Drachen.
Oft ist in der Früh nach dem Aufstehen die erste Frage nach „Gau, gau?" (er meinst damit die Hühner und Vögel die in der Zauberflöte vorkommen), die er dann mit einem Staubsaugerteil alle abschießt („Tschui, tschui!") ..... so wie er das von seinem Papa kennt.
Manchmal sitzt er gespannt und lauscht der ganzen Aufführung, dann wieder spielt er zwischendurch.....aber sobald die Szenen mit Vögel, Pferden und den anderen Tieren kommen ist er schon wieder vor dem TV-Gerät. Also scheinbar hat er das Stück schon abgespeichert.
Einen Nachteil haben wir hier.......es sind keine anderen Kinder da. Ein Sonntagvormittag war Kate, die Tochter der Besitzer, hier mit ihrem 2-Jahre alten Sohn. Die zwei Buben hatten ein Fest!!!!!! (bis zum Umfallen zum Mittagsschlaf).
Sonst spiele halt ich mit Angas, Nachlaufen, verstecken, mit seinen Autos,....
Meist fangen wir Schmetterlinge, jagen Vögel, schauen den Ameisen beim Arbeiten zu oder rutschen den Sandabhang in den Creek hinunter - sodass Angas ein wahres Bad im Sand nimmt. Kein schlechtes Leben!
Interessant ist auch, dass es kein Problem macht, wenn ich deutsch mit Angas spreche, zumal seine Umgebung ja englisch ist.
Die meisten Wörter die er selbst spricht sind englisch, aber ich denke auch das wird sich ändern - immerhin weiß er genau dass schöne „Papagei" und „Kakad" bei uns am Wasser trinken - und viele „Pfe" kommen in der Zauberflöte vor.
Er ist ein süßer kleiner Mann, den ich nicht mehr missen möchte.
Die vergangenen zwei Wochen hatten wir besonders viel Spass. Shane war zwar ziemlich lange weg (8 Tage - und Angas hat ihn sehr vermisst, sodass er am ersten Tag von Shane´s Rückkehr ziemlich „verrückt" gespielt hat.)
Es waren interessante Pärchen hier am Campground, mit denen wir Touren zu den Granat-Feldern gemacht haben und nach glitzernden Steinen gesucht haben, wir waren bei den Zirkonfeldern und haben auch die Lehrer in Engawala besucht.
Gemeinsame Abende mit den Leuten am Campground waren lustig und für uns beide eine Abwechslung. Und wenn ich dann so den Leuten zugehört habe, was sie machen, dann dachte ich wirklich.....wie eng ist es bei uns in Europa geworden und wie weit und offen ist Australien.
Da ist z.B. Alex und Jacqui, beide kurz in Pension, die sich auf einer Reise durch Australien befinden. Zeitraum: 4 Jahre.....und anschließend soll es für 6 Monate nach good old England (Jacqui´s ursprüngliche Heimat) gehen, mit einem anschließenden Trip durch Europa.
Von Alex und Jacqui haben wir viel über Halbedelsteine und das Schürfen und Graben danach gelernt, sie sind passionierte „digger" - siehe auch Foto.
Ähnlich waren Steve und Robyn besessen von den Steinen, erst seit ein paar Jahren, erst seit sie Zeit haben und „Reise-Arbeiten". Die zwei sind in meinem Alter und reisen seit fünf Jahren mit all ihrem Habseligkeiten (ein gutes 4x4 Auto mit Boot und einem Luxuswohnwagen).
Sie reisen 6 Monate und arbeiten 6 Monate. Auf meine Frage, welche Art von Beruf und Job sie haben, dass dies möglich ist, lachten sie nur. Sie haben ein Ziel im Auge, wo sie hinreisen wollen und dann auch arbeiten wollen - und bekommen meist auch was. Sie sind nicht sehr wählerisch, aber haben immer noch etwas Passendes gefunden.
Das Ziel für die nächste Arbeits Saison ist „Kakadu NP, Campground".
Ja und dann war da diese Familie! Als Angas die zwei Mädels gesehen hat (Sofie, 7 und Amber 10) ist er direkt „ausgeflippt" und die drei hatten einige vergnügliche Stunden. Die Mädchen waren mit ihren Eltern auf Australien Rundreise - geplante Zeit: 2 Jahre - mit „Correspondant School" aus Perth. So einfach geht das hier!
Carmel vom Campground war diese Zeit auf Urlaub und hatte eine Vertretung, Lianne. Auch sie reist mit ihrer Familie seit Jahren durch das Land, nimmt dort und da Arbeit an. Sie sind von Zeit zu Zeit wieder im eigenen Haus im Süden, und dann wieder weg.

Es ist schön dass diese Art des Lebens „normal" wird, denn auch wir sind eigentlich Reisende.....auf der Suche nach einem Standort...aber das kann noch einige Zeit dauern.

Derzeit geht es uns gut hier in Gemtree und Shane kann auch gut Geld verdienen mit den vielen alten Autoteilen und dem Altmetall-Teilen die hier herumliegen.
Übrigens......Ende Februar sind die Initiationszeremonien in Utopia zu Ende gegangen, sodass wir auch wieder an die Kunst denken können. Denn während der „Business Time" hat niemand gemalt. Da sind die Spirits und das Tun anderem geweiht.....noch immer....wenn auch ein Blick in die communities abschreckt.
Gewalt, Alkohol, Desinteresse, Mist,......bestimmen heute den Alltag und die heranwachsenden Kinder werden mit Lärm groß.
Mit den Lehrern in Engawala habe ich darüber diskutiert, zumal sie alle neu aus Melbourne kamen und immer wieder an ihre Grenzen stoßen und sich neu „einrichten" müssen, dass diese Welt so anders ist. Gleichzeitig sie die politische Bewegung sehen, aber keine Ahnung haben, wie sie ihren Bildungsauftrag erfüllen sollen.
Jenny hat z.B. 5-jährige in ihrer Grundschulklasse von denen sie meint sie seinen wie Babies, weil ihnen einfach nichts gelehrt wurde - und auch leider gehen die „Busch Fähigkeiten" verloren.
Schade, dass die alten Männer aussterben......und wie wird es in der Zukunft werden?????
Ich glaube dazu weiß niemand eine Antwort, ein unerschöpfliches Thema.

Doch vielleicht kann ich in dieses Thema ein wenig eintauchen, die Zeitungen sind im Moment voll mit Berichten. Der „Sorry Day" wirkt nach und wirft viele Fragen auf.

Soweit mein Bericht.....abgeschickt am Gründonnerstag 2008, eines sehr frühen Osterfestes. Wenn ich zurückdenke, Gründonnerstag 2000 landete ich zum 2.mal in Mimili in den Pitjatjantjara Lands einer Einladung von Wallie folgend - wo ich dann auch Shane kennen lernte. Der Blick in eine gemeinsame Zukunft sollte sich erst später einstellen, genauer gesagt bahnte sich dieses gemeinsame Gehen bei meinem Aufenthalt in Australien Juli/August 2003 an, und ist nach wie vor eine Herausforderung, aber vielleicht deshalb so spannend.

FOTOTEXT: Jacqui, Maria, Shane, Angas, Alex auf den Zirkon-Feldern in Zentralaustralien

www.gemtree.com.au
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